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Reflexion über die Zeit

– und was wir mit ihr machen.



Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Die Geschwindigkeit der Zeit ist enorm. Ein Wimpernschlag und schon steht Weihnachten vor der Tür und das Jahr 2025 zählt seine Tage. „Wo ist die Zeit hin?“ – fragen sich die Menschen, als gäbe es einen unsichtbaren fiesen Zeitdieb. Vielleicht gibt es den ja! Ähnlich wie in Momo´s Geschichte, die grauen Herren.

Nur: In der psychologischen Perspektive sitzen diese „Zeitdiebe“ oft in uns selbst – in unseren Mustern, Erwartungen und in der Art, wie wir unsere Tage füllen.

 

Warum sich Zeit im Alter schneller anfühlt


Vergänglichkeit der Zeit - und des Lebens im Alter
Vergänglichkeit der Zeit - und des Lebens im Alter

Aus der psychologischen Forschung ist gut belegt, dass sich Zeit mit zunehmendem Alter subjektiv beschleunigt – ohne dass sich an der Uhr irgendetwas ändert.

Warum ist das (vermutlich) so?


  • Neuheit vs. Routine: In der Kindheit ist fast alles neu – Schule, Freundschaften, Ferien, erste Erlebnisse. Das Gehirn speichert Neues dichter und emotionaler; ein Jahr ist „voll“ von erinnerbaren Episoden. Später werden Tage und Wochen ähnlicher: gleiche Wege, ähnliche Aufgaben, wiederkehrende Abläufe. Im Rückblick verschmelzen sie zu einem Block (oder Brei) – die Jahre wirken kürzer, weil weniger markante Erinnerungsanker vorhanden sind.


  • Das Verhältnis zur bisherigen Lebenszeit: Ein Jahr macht mit 10 etwa 10% des bisherigen Lebens aus, mit 50 nur noch einen kleinen Bruchteil. Psychologische Modelle gehen davon aus, dass Zeit subjektiv im Verhältnis zur bereits gelebten Zeit bewertet wird – daher fühlt sich dieselbe Kalenderzeit „immer kleiner“ an, je älter wir werden.


  • Aufmerksamkeit und innere Taktung: Zeitwahrnehmung hängt eng mit Aufmerksamkeit zusammen. Wenn wir gestresst, zerstreut oder dauerbeschäftigt sind, „fallen“ uns viele Momente gar nicht bewusst auf – der Tag rauscht vorbei. Sind wir präsent und achtsam, erscheint dieselbe Zeitspanne länger und vollwertiger. Auch neurobiologische Veränderungen im Laufe des Lebens beeinflussen, wie unser Gehirn diese inneren Takte setzt. Mit zunehmendem Alter nimmt die Dichte an Dopamin-Rezeptoren ab – Dopamin hilft, Zeitintervalle präzise zu messen. Dadurch verarbeitet das Gehirn (insbesondere Bereiche wie Basalganglien) Reize weniger feingranular, und Zeitabschnitte fühlen sich kürzer an. Gleichzeitig verändert sich das Default Mode Network (DMN): Es moduliert in Ruhephasen Erinnerungen und Zeitwahrnehmung, was vergangene Perioden subjektiv „zusammendrückt“.


Die Rolle der modernen Lebensweise


High Speed Life. High Speed Society.
High Speed Life. High Speed Society.

Unser subjektives Zeitempfinden entsteht nicht nur im Kopf, sondern auch im Kontext der Gesellschaft, in der wir leben. Viele Theorien sprechen von einer Beschleunigung der Moderne – einer Art chronischem „Schneller, mehr, dichter“.


Typische Faktoren sind:

  • Dauererreichbarkeit und Reizüberflutung: Mails, Nachrichten, Social Media, Informationsflut – das Gehirn ist permanent im Reizmodus. Es bleibt wenig unstrukturierte Zeit, in der innere Prozesse nachreifen können.


  • Verdichtete Tage: Beruf, Care-Arbeit, Haushalt, soziale Verpflichtungen – oft wird versucht, mehr in einen Tag zu packen, als dieser tragen kann. Das erzeugt das Gefühl, permanent hinterherzulaufen.


  • Leistungs- und Vergleichsdruck: Wer sich ständig mit anderen vergleicht („Ich müsste mehr…“, „Andere schaffen das auch…“), erlebt seine Zeit schnell als unzureichend – nie genug, nie fertig.


Aus psychologischer Sicht sind diese Rahmenbedingungen nicht neutral: Sie fördern chronische Anspannung, Überforderung und das Empfinden, dass Zeit stets zu knapp ist. Das Gefühl von innerer Weite und Ruhe geht verloren – und mit ihm das Erleben, dass ein Tag sich „ausdehnen“ kann.

 

Selbstwirksamkeit: Wie wir das Zeitempfinden beeinflussen können


Mit allen Sinnen wahr-nehmen.
Mit allen Sinnen wahr-nehmen.

Die gute Nachricht: Auch wenn die äußeren Stunden unveränderlich sind, ist unser Erleben von Zeit stark beeinflussbar. Genau hier beginnt der Bereich von Psyche, psychischer Gesundheit und Selbstwirksamkeit.


Wichtige Hebel sind:

  • Bewusste Präsenz statt Autopilot

    • Im Autopilotmodus funktioniert der Tag wie eine To‑do‑Liste: erledigen, abhaken, weiter. Das Gehirn speichert wenig bewusst – im Nachhinein fehlen Erinnerungen, der Tag wirkt „weg“.

    • Durch Achtsamkeit, kleine Pausen und bewusste Übergänge (z. B. kurz ankommen, atmen, registrieren: „Jetzt beginnt X“) entsteht innere Verlangsamung, auch wenn die äußere Zeit identisch bleibt.


  • Neuheit und Resonanz einladen

    • Kleine Veränderungen im Alltag – ein anderer Weg, neue Begegnungen, bewusst gestaltete Rituale – schaffen wieder markante Erinnerungen. Solche „Resonanzmomente“ lassen Zeit im Rückblick reicher wirken.

    • Psychologische Modelle der subjektiven Zeit betonen: Je mehr bedeutsame, emotional berührbare Momente, desto weiter erscheint ein Zeitabschnitt.


  • Innere Haltung zur Zeit hinterfragen

    • Glaubenssätze wie „Ich muss immer produktiv sein“ oder „Pausen sind Zeitverschwendung“ beschleunigen das innere Erleben dramatisch.

    • Eine freundlichere innere Haltung („Ich darf nichts tun“, „Nicht alles muss heute fertig werden“) entlastet das Nervensystem und verlangsamt die subjektive Taktung.


  • Leere Zeiten bewusst schützen

    • Leere Zeiten bewusst schützen

      Zeiten ohne Ziel, Bildschirm, Ablenkung – Spaziergänge, Tagträumen, Nichtstun – geben der Psyche Raum, Erlebtes zu verarbeiten. Sie verlängern zwar nicht die Uhrzeit, aber sie geben der Seele mehr „Fläche“, auf der sich Erfahrungen ablagern können.

    • Neurowissenschaftlich zeigt sich, dass beim Tagträumen und gedanklichen Abschweifen das sogenannte Default Mode Network aktiv ist – ein Netzwerk im Gehirn, das besonders während Ruhe, innerem Abschweifen und mind-wandering arbeitet. Es spielt eine wichtige Rolle für Gedächtniskonsolidierung, die Verarbeitung von Erlebtem und kreatives, flexibles Denken. Studien zeigen, dass Phasen wacher Ruhe und gedanklichen Umherschweifens Lernprozesse und die Integration neuer Erfahrungen unterstützen können.


Diese Aspekte sind Ausdruck von Selbstwirksamkeit: Die Erfahrung, dass das eigene Handeln – und sogar die eigene innere Haltung – das Erleben von Zeit tatsächlich verändert. Wer erlebt, „Ich kann etwas tun, damit sich mein Leben nicht nur schnell, sondern auch stimmig anfühlt“, stärkt damit auch das psychische Wohlbefinden.


Zeit als Qualität – nicht nur als Quantität


Qualität des Augenblicks - ein Flügelschlag.
Qualität des Augenblicks - ein Flügelschlag.

Philosophische und psychologische Ansätze betonen, dass Zeit nicht nur eine Frage der Menge (Stunden, Tage, Jahre) ist, sondern der Qualität: Wie verbunden fühle ich mich mit dem, was ich gerade tue? Wie sehr bin ich anwesend in meinem Leben?


Statt nur zu fragen „Wo ist die Zeit hin?“, kann es hilfreich sein, andere Fragen zu stellen:

  • Wo in diesem Jahr war ich wirklich da – körperlich, emotional, innerlich?

  • Welche Momente waren „dicht“, sinnhaft, berührend – unabhängig davon, wie lang sie gedauert haben?

  • Was bräuchte ich, damit das nächste Jahr sich nicht nur voll, sondern stimmig anfühlt?


Das Fazit: Die physikalische Zeit bleibt unverhandelbar, aber die gelebte Zeit ist formbar.

So wird aus dem Bild des „Zeitdiebes“ eine Einladung, die eigene Zeit nicht nur zu zählen, sondern zu gestalten – im Sinne der eigenen psychischen Gesundheit und des persönlichen Wohlbefindens.


 

Quellen zum Nachlesen

  • „Why Time Feels Faster as We Age“ (PDF, restpublisher.com)restpublisher

  • „The Unbearable Speed of Being“ (spiegeloog.amsterdam, 2025): Gesellschaftskritik zur mentalen Überlastung.spiegeloog

  • Max-Planck-Gesellschaft: „Gehirn im Autopilot-Modus“ (mpg.de): Studie zum DMN und seiner Rolle bei Tagträumerei.mpg

  • „Offline memory consolidation during waking rest“ (NSF, par.nsf.gov): Forschung zu Gedächtnisverarbeitung in Ruhephasen.par.nsf

  • Nature: „Resting States and Memory Consolidation“ (2019): Evidenz für Lern- und Integrationsvorteile von Mind-Wandering.nature

  • Forschungszentrum Jülich: „Was unser Gehirn macht, wenn wir scheinbar nichts tun“ (fz-juelich.de, 2025): Aktuelle Studie zu DMN-Struktur und Funktion.fz-juelich

 
 
 

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