Pension: Das unterschätztes Gesundheitsrisiko – Wenn Arbeit und Netzwerke wegbrechen
- Janine Zika
- 14. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Pensionierung ist nicht nur ein finanzieller Einschnitt, sondern auch ein relevantes Gesundheitsrisiko, vor allem wenn der Beruf ein zentrales Identitätsfundament war und im neuen Lebensabschnitt keine neuen Ziele entstehen. Wer seine Selbstdefinition fast ausschließlich aus Arbeit und Leistung bezogen hat, ist in der Ruhestandsphase besonders gefährdet für seelische Krisen, soziale Isolation und gesundheitliche Verschlechterungen.
Das Risiko „Ruhestand“ – mehr als Freizeit
In der Erwerbsphase strukturieren Arbeitszeiten den Alltag, geben soziale Einbettung, Erfolgserlebnisse und Sinn. Fällt diese Struktur abrupt weg, berichten viele Menschen von innerer Leere, Nutzlosigkeitsgefühlen und einem Verlust von Orientierung. Studien zeigen, dass insbesondere Personen mit hoher beruflicher Identifikation und gutem Einkommen nach dem Pensionsantritt ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Einbußen und Sterblichkeit haben, wenn Aktivität und Einbindung massiv abnehmen.
Ein entscheidender Faktor ist dabei nicht „Pensionierung an sich“, sondern die Qualität des Übergangs: Wer ohne vorbereitete Alternativen, Rollen und Ziele in den Ruhestand geht, erlebt den Wegfall der Erwerbsarbeit häufig als Identitätsbruch. Dieser Bruch wirkt sich über Stress, Einsamkeit und Rückzug negativ auf körperliche und psychische Gesundheit aus.
Die fünf Säulen der Identität nach Petzold

Das Modell der fünf Säulen der Identität nach Hilarion Petzold beschreibt Identität als Zusammenspiel verschiedener Lebensbereiche, die gemeinsam ein stabiles „Lebenshaus“ tragen. Je ausgewogener diese Säulen sind, desto eher bleibt das Gleichgewicht auch bei Krisen erhalten.
Die fünf Säulen sind:
Leiblichkeit / Gesundheit: Körperliche und psychische Verfassung, Alter, Krankheit, Körperbild und Selbstwahrnehmung.
Soziale Beziehungen / gesellschaftliches Netz: Familie, Freunde, Nachbarschaft, Vereine, Kolleginnen und Kollegen.
Arbeit, Leistung und Freizeit: Erwerbsarbeit, Ausbildung, ehrenamtliche Tätigkeiten, Hobbys und das Erleben von Kompetenz und Wirksamkeit.
Materielle Sicherheit: Einkommen, Rente, Vermögen, Wohnsituation und subjektives Sicherheitsgefühl.
Werte, Normen und Ideale: persönliche Überzeugungen, Sinnquellen, religiöse oder weltanschauliche Orientierungen und Engagement.
Verändert sich eine Säule stark, können die anderen stützend wirken – oder, wenn sie selbst schwach sind, in eine breitere Identitätskrise führen.
Wenn „Arbeit & Leistung“ zur dominanten Säule wird
Viele Menschen in verantwortungsvollen oder hochqualifizierten Positionen (aber nicht nur diese) entwickeln eine besonders starke Identifikation über die Säule „Arbeit und Leistung“. Arbeit liefert hier Anerkennung, Status, klare Rollenbilder („Führungskraft“, „Expertin“, „verlässliche Arbeitskraft“…) und tägliche Erfolgserlebnisse.
Problematisch wird es, wenn andere Säulen über Jahre vernachlässigt wurden:
Freundschaften und Vereinsaktivitäten werden aus Zeitgründen reduziert, soziale Beziehungen konzentrieren sich auf den Arbeitsplatz. V
Körperliche Bedürfnisse und Gesundheit werden dem Berufserfolg untergeordnet.
Sinn und Werte werden primär über Leistung und Karriere definiert, nicht über breitere Lebensziele.
Mit der Pensionierung bricht dann nicht nur eine Einkommensquelle weg, sondern eine dominante Identitätsbasis: Rolle, Status, Netzwerke und Tagesstruktur fallen gleichzeitig und oft abrupt weg. Studien deuten darauf hin, dass gerade frühere Gutverdiener beim Übergang in den Ruhestand stärker gefährdet sind, weil sie mit der Berufstätigkeit auch Prestige und zentrale soziale Netze verlieren.
Wenn „Soziale Beziehungen“ fehlen oder brüchig sind
Viele Menschen treten heute in die Pension ein, ohne Partnerin oder Partner, verwitwet oder ohne nahe Angehörige. In diesen Lebenskonstellationen ist die Säule der sozialen Beziehungen von Beginn an deutlich fragiler, weil weniger Menschen vorhanden sind, die emotional stützen, Struktur geben oder im Alltag „mittragen“.
Wenn in einer solchen Situation auch noch die Arbeit als zentrale Säule wegbricht, kumulieren sich die Belastungen: Mit dem Job verschwinden nicht nur Rolle, Status und Tagesstruktur, sondern oft auch der wichtigste Ort sozialer Begegnung. Einsamkeit, das Gefühl von Überflüssigkeit und ein Mangel an Resonanz können sich verstärken – vor allem dann, wenn es keine Familie, Kinder oder verlässlichen Freundeskreis gibt, der diesen Verlust auffängt.
Gerade bei alleinlebenden, verwitweten oder kinderlosen Menschen zeigt sich deshalb besonders deutlich, wie eng Identität und Gesundheit mit einem tragfähigen sozialen Netz verknüpft sind. Dort, wo sowohl die Säule „Arbeit/Leistung“ als auch die Säule „soziale Beziehungen“ geschwächt oder brüchig sind, steigt das Risiko für Identitätskrisen, depressive Entwicklungen und gesundheitliche Probleme erheblich.
Gesundheitliche Folgen fehlender Ziele im Ruhestand
Ohne neue Ziele und Rollen kann der Ruhestand zur chronischen Stressquelle werden. Typische Folgen sind:
Erhöhte Depressivität, Antriebslosigkeit und ein Gefühl existenzieller Leere, wenn kein subjektiv sinnvolles „Wofür“ mehr erlebbar ist.
Zunahme von Einsamkeit, weil der Wegfall kollegialer Kontakte nicht durch andere soziale Beziehungen kompensiert wird.
Risiko ungesunder Verhaltensmuster (Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Rückzug), was langfristig kardiovaskuläre und andere körperliche Erkrankungen begünstigen kann.
Empirische Arbeiten zeigen, dass eine starke Reduktion von Aktivität und sozialer Teilhabe nach Pensionsantritt mit höherer Sterblichkeit und schlechterer Gesundheitsentwicklung einhergehen kann. Umgekehrt profitieren Menschen, die ihre Tage mit sinnvollen Aktivitäten, Engagement und sozialen Kontakten füllen, oft gesundheitlich vom Ausstieg aus belastender Arbeitswelten.
Jeder Identitätsverlust birgt ein Risiko
Das Modell der fünf Säulen macht deutlich: Nicht nur die Pensionierung, sondern jeder Wegfall einer relevanten Identität – etwa durch Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Migration – kann eine erhebliche Belastung darstellen. Bricht eine zentrale Säule ein und sind die anderen nicht ausreichend stabil, drohen Identitätskrisen, Selbstwertprobleme und gesundheitliche Folgen.
Aus Perspektive der integrativen Psychotherapie ist es daher entscheidend, Identität über mehrere Säulen zu nähren: tragfähige Beziehungen, gepflegte Gesundheit, sinnstiftende Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit, materielle Sicherheit und gelebte Werte. Je breiter ein Mensch sich verankert, desto resilienter kann er auf den Wegfall einer einzelnen Rolle – etwa der Erwerbsarbeit im Ruhestand – reagieren.
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