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Angst vor Hexen.Und was uns das über unsere Maßstäbe verrät.

27. Aug.
2 Min. Lesezeit

„Man lehrte uns, Angst vor Hexen zu haben. Aber nicht vor den Männern, die sie verbrannten."


Diesen Satz sagte mir eine Klientin. Ich musste lange darüber nachdenken.


Denn er erzählt nicht nur etwas über Hexen. Er erzählt davon, wer den Maßstab setzt. Wer Geschichte schreibt. Und wessen Perspektive zur Normalität wird.


Und dann kam mir eine Frage: Was wäre, wenn eine Frau der Maßstab gewesen wäre?


Wie würde unsere Welt aussehen? Medizinisch. Wirtschaftlich. Politisch. Sozial.


Nehmen wir nur den weiblichen Körper.

Jeden Monat durchläuft der weibliche Körper einen komplexen biologischen Prozess. Hormone verändern sich, die Gebärmutterschleimhaut wird aufgebaut und wieder abgestoßen. Dabei entstehen unter anderem die Muskelkontraktionen, die wir als Menstruationskrämpfe kennen.

Für manche Frauen bedeutet das einige Tage Blutung.


Für andere zusätzlich:

Krämpfe. Migräne. Rückenschmerzen. Übelkeit. Verdauungsbeschwerden. Schlafprobleme. Erschöpfung. Konzentrationsschwierigkeiten. Manche Frauen verlieren durch starke Blutungen sogar so viel Blut, dass Eisenmangel oder Blutarmut entstehen können.


Und trotzdem ist unser „idealer“ Leistungsmaßstab erstaunlich statisch:

40 Stunden. Jeden Tag. Volle Leistungsfähigkeit.

Als wäre der Körper jeden Tag derselbe.

Als wären biologische Veränderungen eine Abweichung vom Normalzustand.


Dabei ist der Körper genau das Gegenteil:

Er verändert sich.

Und das ist nicht krank. Nicht falsch. Nicht weniger wert.


Vielleicht hätte eine Welt, in der eine Frau der Maßstab gewesen wäre, deshalb nicht einfach „mehr Verständnis für Frauen".


Vielleicht hätten wir grundsätzlich ein anderes Verständnis davon entwickelt, was ein menschlicher Körper ist und was wir ihm nachhaltig abverlangen können, um ihn langfristig leistungsfähig zu halten.


Denn vielleicht gilt das viel weiter:

Nur weil jemand weniger Energie zur Verfügung hat, heißt das nicht, dass er weniger leisten kann.

Nur weil jemand weniger Zeit zur Verfügung hat, heißt das nicht, dass sein Output geringer sein muss.

Nur weil jemand mit Krankheit, Schmerzen, Alter, Care-Arbeit oder anderen Begrenzungen lebt, bedeutet das nicht automatisch weniger Leistungsfähigkeit.


Im Gegenteil.


Menschen, die mit begrenzten Ressourcen leben, lernen oft, mit genau diesen Ressourcen außergewöhnlich effizient umzugehen.

Sie priorisieren.

Sie fokussieren.

Sie lassen Unwesentliches weg.

Sie finden andere Wege.


Und vielleicht ist genau deshalb die Gleichsetzung von Arbeitszeit und Leistung so problematisch.

Denn 40 Stunden Anwesenheit sind nicht automatisch 40 Stunden Leistung.

Und weniger verfügbare Ressourcen sind nicht automatisch weniger Wert.


Vielleicht würden wir das anders sehen, wenn nicht eine bestimmte körperliche und gesellschaftliche Lebensrealität über lange Zeit zum Maßstab geworden wäre.

Und vielleicht würden wir dann auch anders über „Normalität" sprechen.


Wer hat eigentlich festgelegt, was normal ist – und was als Abweichung gilt?

Wer hat den Maßstab gesetzt?

Für wen wurde er gesetzt?


Und die vielleicht unbequemste Frage:

Hat dieser Maßstab heute eigentlich noch Gültigkeit?


Denn wenn wir erkennen, dass ein Maßstab für wenige passt, reicht es nicht, Menschen besser an ihn anzupassen.


Dann müssen wir die Strukturen hinterfragen, die diesen Maßstab zum Standard gemacht haben.


Denn ein Maßstab, der Menschen systematisch zu Abweichungen macht, sollte vielleicht nicht die Menschen erklären müssen – sondern sich selbst.


Und vielleicht beginnt genau dort Führung: nicht darin, den Maßstab zu verteidigen. Sondern darin, ihn zu hinterfragen.

 
 
 

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